next up previous contents
Next: Die Unterkunft Up: Die Straßenkinderprojekte in Johannesburg Previous: Der Besuch einer formale

Die Vorbereitung auf das Berufsleben

Ein Teil der Straßenkinder konnten schon aufgrund ihres Alters und Bildungsstandes nicht mehr zu einer formalen Schule geschickt werden. Sie nahmen daher, wenn nötig, an dem Alphabetisierungsprogramm teil, und es wurde versucht, ihnen handwerkliche Grundkenntnisse zu vermitteln. Dieses Programm lehnte sich an das Konzept der Chibchalà Schule in Bogotá und der Salesian High School in Swaziland an (Swart, 1988a, S.39-40).

Die meisten Straßenkinder hatten vorher nie Gelegenheit gehabt, mit Werkzeugen zu arbeiten. Der erste Schritt bestand daher darin, ihnen zu zeigen, wie Dinge des täglichen Lebens, zum Beispiel ein Fahrrad, funktionieren und wie man sie reparieren kann. In diesem Unterricht fertigten die Kinder auch Gegenstände wie Bänke oder Regale an, die im Projekt benutzt wurden. Dadurch wurde den Jugendliche das Gefühl gegeben, gebraucht zu werden und nützlich zu sein. Das hatte einen sehr positiven Effekt auf ihr Selbstwertgefühl und sie entwickelten einen gewissen Stolz auf ihre Arbeit.

Es war auch geplant, interessierte Jugendliche unter Aufsicht kleinere Arbeiten und Reparaturen außerhalb von Street-Wise ausführen zu lassen. So sollten sie realistische Erfahrungen mit dem Berufsleben sammeln und einen guten Ruf aufbauen, der ihnen später selbständiges Arbeiten ermöglichen würde.

Jugendliche mit besonderen Fähigkeiten auf bestimmten Gebieten wurden als Lehrlinge oder auch als Arbeiter vermittelt. Jobo entschied sich für eine Ausbildung als Friseur, und es wurde für ihn eine Ausbildungsstelle bei einem bekannten Haarsalon in Johannesburg gefunden. Er arbeitete sich schnell ein und kehrte danach nach Hause zurück, wo er zunächst als Friseur vom Haus seiner Mutter aus arbeitete. Mit der Zeit wurde er so erfolgreich, daß er selbst einen kleinen Salon aufmachen konnte. Er hatte seinen Freunden von Street-Wise beim Abschied gesagt, daß er beim nächsten Besuch mit dem eigenen Auto kommen würde. Keiner nahm ihn besonders ernst, aber er kam tatsächlich im eigenen Auto und hatte seitdem eine Vorbildfunktion.

  figure356
Abbildung:  

Die Nähkurse bei Street-Wise waren bei den Kindern sehr beliebt. Es war geplant, die Erzeugnisse auf Flohmärkten zu verkaufen.

Genauso wie für die Schule müssen Straßenkinder auf die Anforderungen einer Lehrstelle oder eines Arbeitsplatzes psychisch vorbereitet werden. Viele von ihnen haben keine Vorstellungen von den Regeln der Arbeitswelt. Die ersten Erfahrungen hatten gezeigt, daß viele Jugendliche den Freiheitsverlust und die nötige Unterordnung nicht akzeptieren wollten. Die Arbeitgeber von einigen Jugendliche, die ich betreute, nannten als Hauptprobleme die mangelnde Disziplin und die fehlende Bereitschaft, sich an geregelte Arbeitszeiten zu halten. Sie blieben manchmal einfach zu Hause, ohne sich krank zu melden, und kamen häufig zu spät. Zur Vorbereitung auf die Anforderungen des Berufslebens diskutierte ich mit den Jugendlichen über Themen wie Arbeitssuche, Bewerbungsgespräche, Arbeitsverträge, Arbeitsbedingungen und die Rechte und Pflichten der Arbeitnehmer. Durch Rollenspiele wurden die verschiedenen Situationen konkretisiert und ein angemessenes Verhalten trainiert. Jugendliche, denen eine bezahlte Lehrlingsstelle oder ein Arbeitsplatz vermittelt worden war, wurden weiterhin betreut. Sie wurden bei der Arbeit besucht, und mit dem Arbeitgeber zusammen wurde versucht, auftretende Probleme zu lösen. Den Jugendlichen wurde auch geholfen, eine für sie bezahlbare Unterkunft zu finden. Nach und nach brach der Kontakt zu ihnen ab.

Es hat sich als eine absolute Notwendigkeit herausgestellt, bei der Suche nach einer Ausbildungs- oder Arbeitsstelle auf die Interessen und Fähigkeiten der Jugendlichen einzugehen. Jugendliche, die nur deswegen vermittelt werden, weil ein Arbeitsplatz gerade verfügbar ist, bleiben nur in den seltensten Fällen dort (Swart, 1988a, S.37). Für den Arbeitgeber werden damit nur die herrschenden Stereotypen über Straßenkinder bestätigt, und sie sind selten bereit, es mit einem anderen nochmal zu versuchen.

Nach der Öffnung eines eigenen Shelters fokussierte Street-Wise die Anstrengungen wieder mehr auf die schulische Ausbildung. Die Vermittlung handwerklicher Fähigkeiten, wozu unter anderem Nähkurse zählten, wurde in den Stundenplan integriert.

Meiner Erfahrung nach zogen auch von den älteren Jugendlichen nur sehr wenige eine Berufsausbildung dem Schulbesuch vor. Dieses läßt sich wahrscheinlich durch das große Gewicht, was damals auf das Bridging-Programm gelegt wurde, erklären. Ich bin sicher, daß bei entsprechender Motivierung mehr Jugendliche zu einer Berufsausbildung bereit gewesen wären.


next up previous contents
Next: Die Unterkunft Up: Die Straßenkinderprojekte in Johannesburg Previous: Der Besuch einer formale

Chris Pinkenburg
Fri Aug 23 21:56:28 CST 1996